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Maslow

 

Abraham Maslow wurde 1908 in New York geboren und lebte bis 1970. In seiner Doktorarbeit untersuchte er die Geschlechts- und Rangordnung von Primaten. Wie unter den Behavioristen üblich, betrachtete auch Maslow das Verhalten des Menschen als gelernte, erklärbare Reaktionen auf äußere Reize bzw. Situationen. Seine Sichtweise änderte sich mit der Geburt seines ersten Kindes. Dieses Erlebnis ließ den Behaviorismus, für den er sich einstmals begeisterte, so oberflächlich erscheinen, dass er eine neue Richtung einschlug. Auch als Reaktion auf den zweiten Weltkrieg schuf Maslow eine Psychologie der Werte und des Seins. Er traute dem Menschen weit mehr zu als Hass, Angst, Gewalt und widmete seine Forschungsarbeit seitdem jenen Bereichen, die bisher ausgeschlossen wurden: der Poesie, Kunst, Liebe, spirituellen Erfahrungen und geistigen Werte.

Zusammen mit Carl Rogers wird Maslow oft als Begründer der Humanistischen Psychologie genannt. Während Rogers eine neue Therapieschule gründete, entwickelte Maslow eine humanistische Motivationstheorie und revolutionierte so die weitgehend auf externe Verstärkungsbedingungen („reinforcement management“) basierende Arbeitspsychologie seiner Zeit. Seine erste Version der „Bedürfnispyramide“, deren Spitze die Selbstverwirklichung bildet, wird noch heute in sämtlichen Fachbüchern zur Arbeits- und Motivationspsychologie abgebildet. Weniger bekannt wurde die Tatsache, dass Maslow zu späterer Zeit sein Modell der Bedürfnishierarchie um eine weitere Stufe erweiterte, die er Selbsttranszendenz nannte (s. Abb. 1), und damit über die humanistische Betrachtungsweise hinausging.

 In seinem Buch „Toward a Psychology of Being” („Psychologie des Seins“) schreibt Maslow im Vorwort: ”This Third Psychology is now one facet of a general ‘Weltanschauung’, a new philosophy of life, a new conception of man, the beginning of a new century of work (that is, of course, if we can meanwhile manage to hold off a holocaust). For any man of good will, any pro-life man, there is work to be done here, effective, virtuous, satisfying work which can give rich meaning to one’s own life and do others. (...) I should say also that I consider Humanistic, Third Force Psychology to be transitional, a preparation for a still ”higher” Fourth Psychology, transpersonal, transhuman, centered in the cosmos rather than in human needs and interest, going beyond humanness, identity, self-actualisation, and the like” (Maslow, 1968). Die sinngemäße Übersetzung des letzten Teils lautet: „(…) ich betrachte die Humanistische Psychologie, die ‘Psychologie der Dritten Kraft’ als vorübergehend, als eine Vorbereitung für eine noch ‘höhere’ Vierte Psychologie, die transpersonal, transhuman ist, ihren Mittelpunkt eher im Kosmos als in menschlichen Bedürfnissen und Interessen hat, und die über Menschlichkeit, Identität, Selbstverwirklichung und dergleichen hinausgeht“.

Die Logik der Bedürfnispyramide (s. Abb. 1) lässt eine „Höhenpsychologie“ erkennen, die das Spektrum von den körperlichen Bedürfnissen bis zum edlen Motiv der Selbsttranszendenz abdeckt. Maslow unterscheidet zwischen zwei Klassen von Motivationen: Defizitmotivationen und Metamotivationen. Zu den Defizitmotivationen zählt er die Bedürfnisse nach Lebenserhaltung, Sicherheit, sozialer Zugehörigkeit und Selbstwert. Ihren motivationalen Antrieb erzeugen sie dadurch, dass ein Mangel vorliegt. Metabedürfnisse erzeugen dagegen eine Wachstumsmotivation, die nicht auf die Behebung eines unangenehmen oder defizitären Zustandes ausgerichtet ist, sondern auf die Verwirklichung von Werten und höherer Potenziale. Dazu gehören die Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung und Selbsttranszendenz.

Maslow fasst den Neurosenbegriff weiter als die Tiefenpsychologen und Behavioristen, indem er von der Pathologie der Normalität spricht: „Es wird immer klarer, dass das, was wir in der Psychologie ‚normal’ nennen, wirklich eine Psychopathologie des Durchschnitts ist, die so undramatisch und weit verbreitet ist, dass wir sie gewöhnlicherweise noch nicht einmal bemerken“ (Maslow, 1968, S. 16). Maslow spricht auch dann von „Krankheit“, wenn die Grundbedürfnisse zwar erfüllt sind, die Metabedürfnisse oder Wachstumsbedürfnisse aber unterdrückt werden: „Grundbedürfnisse und Metabedürfnisse gleichen sich im Charakter der Notwendigkeit; wird ihre Befriedigung verhindert, so ist ‚Krankheit’ und Minderung die Folge; wird ihnen Raum gegeben, so fördern sie die Entwicklung zur vollen Menschlichkeit“ (Maslow, 1987, S. 146). In der Regel sei die Befriedigung der Grundbedürfnisse dringlicher als die der Metabedürfnisse, denn letztere ließen sich eher aufschieben. Maslow schränkt jedoch ein: „Diese Aussage besitzt nur allgemeine oder statistische Gültigkeit, denn es gibt durchaus Fälle, wo das Wahre oder Gute oder Schöne für eine bestimmte Person aufgrund einer besonderen Neigung oder Sensibilität wichtiger und dringender sein kann als manche Grundbedürfnisse“( Maslow, 1987, S. 146).

Maslows Verdienst als Forscher besteht darin, Metamotivierte hinsichtlich jener Persönlichkeitsmerkmale untersucht zu haben, in denen sie sich von „normalen“ Menschen unterscheiden. Die erste Studie dieser Art betraf das Sozialverhalten eines Indianerstammes. Dieser erwies sich als deutlich friedlicher als die sogenannten zivilisierten Nationen. Während einer 15-jährigen Verhaltensbeobachtung wurden unter den 800 Stammesmitgliedern nur fünf Raufereien registriert. Gewaltanwendungen und Verbrechen wurden nicht beobachtet. In einer Studie zur seelischen Gesundheit fand Maslow bei gesünderen Menschen eine höhere Befriedigung der Grundbedürfnisse wie Sicherheit, Zugehörigkeit, Liebe, Respekt und Selbstwertgefühl sowie eine größere Tendenz zur Selbstverwirklichung. Letztere definierte er als voranschreitende Aktualisierung von Potenzialen, Kapazitäten und Talenten, als Erfüllung von Bestimmung, als ein größeres Wissen um und eine größere Akzeptanz von der eigenen inneren Natur, als ein unaufhaltbarer Entwicklungstrend hin zu Einheit, Integration oder Synergie (vgl. Maslow, 1968). Die einzelnen charakteristischen Merkmale dieser gesünderen Personen stellte Maslow (1968) wie folgt der statistischen „Normalität“ entgegen:

  

1. „Höhere Wahrnehmung“ von Realität

2. Höhere Akzeptanz von sich selbst, anderen und der Natur

3. Gesteigerte Spontaneität

4. Bessere Fähigkeit zur Problemfokussierung

5. Gesteigerte Gelöstheit und intimere Privatsphäre

6. Höhere Autonomie und Resistenz gegenüber Enkulturation

7. Größerer emotionaler Reichtum

8. Häufigere „Gipfelerlebnisse“ (peak experiences)

9. Eher Identifikation mit dem Menschsein als mit der eigenen Persönlichkeit

10. „besseres“ interpersonales Beziehungsnetz

11. Demokratischere Charakterstruktur

12. Gesteigerte Kreativität

13. Intrinsisches Wertesystem

 

In einer späteren Studie unterschied Maslow 1969) Selbsttranszendierer von nicht-transzendierenden Selbstverwirklichern. Beide hatten gemeinsam, dass sie sich integrierter, harmonischer und gelöster fühlten als „normalgesunde“ Menschen. Die Selbsttranszendierenden unterschieden sich jedoch von den nicht-transzendierenden Probanden in den folgenden Merkmalen: 

  • Sie machten häufiger transzendente Erfahrungen, die ihr Leben mit einem übergeordneten Sinn erfüllten und die Welt als eine Einheit erscheinen ließen. Sie sprachen die „Sprache des Seins“, verstanden besser als andere Gleichnisse, Bilder, Paradoxien, Musik und Kunst.
  • Sie betrachteten die Welt sowohl im Detail wie auch in ihrem Aspekt der Unendlichkeit.
  • Ihre Motivation war mehr durch „Seinswerte“ wie Wahrheit, Schönheit, Vollkommenheit, Güte, Einheit, Transzendenz, Liebe und Freude gekennzeichnet.
  • Sie waren empfänglicher für die Schönheit der Natur und konnten wie Kinder über Dinge wie z. B. Regentropfen oder Schneeflocken staunen.
  • Sie fühlten sich nicht einer Religion oder Kirche verpflichtet, sondern machten „religiöse oder spirituelle Erfahrungen ohne Religion“, da sie nicht eine Organisation oder ein Gebäude als ihre Kirche betrachteten, sondern die Natur und das gesamte Universum.
  • In Anbetracht ihrer Diskrepanz zwischen ihrer visionären Welt der Möglichkeit oder der transpersonal erfahrenen Realität und der tatsächlichen Realität fühlten die Transzendierer oft eine sog. „B-Traurigkeit” (Seins-Traurigkeit), die sie nur durch ihre B-Freude (Seins-Freude) ausgleichen konnten.
  • Unter den Transzendierenden befanden sich häufiger idealistische Pioniere, die die Welt verbessern wollten. 

Als kognitive Kennzeichen (B-Kognitionen) von Selbsttranszendierern nennt Maslow die folgenden: die Erfahrung oder der Gegenstand der Wahrnehmung wird als etwas Ganzes betrachtet, als eine vollständige Einheit, frei von Vergleichen und frei von möglichem Nutzen oder Absicht. Die Wahrnehmung ist ganz und gar von der entsprechenden Seinsqualität erfüllt. Gipfelerfahrungen besitzen eine innere Wertigkeit und brauchen keinen zusätzlichen Nutzen. Sie werden immer als gut und wünschenswert beschrieben, niemals als böse oder unerwünscht. Zeit- und Raumgefühl sind verändert oder gar aufgehoben. Über die Bedeutung und Natur von B-Werten (z. B. Einheit, Frieden, Wahrheit, Gerechtigkeit, Schönheit, Weisheit, Vollkommenheit, Güte, Hingabe, Glückseligkeit) sagt Maslow Folgendes:  „Schon immer sucht die Menschheit das Ewige und Absolute, und es könnte sein, dass die B-Werte dabei in gewissem Umfang behilflich sein können. Sie sind als solche, in ihrer Existenz, nicht von den Launen des Menschen abhängig. Sie werden wahrgenommen, nicht hervorgebracht. Sie sind transhuman und transindividuell. Sie könnten das menschliche Verlangen nach Gewissheit befriedigen. (...) Es lohnt sich, für sie zu leben und für sie zu sterben. Sich in sie zu versenken und mit ihnen zu verschmelzen, ist das höchste Glück, dessen der Mensch fähig ist. Unsterblichkeit bekommt in diesem Zusammenhang auch einen ganz bestimmten und erfahrbaren Sinn, denn die Werte, die der Person als Wesensmerkmale inkorperiert sind, leben nach dem Tod weiter, das heißt, dass das Selbst in einem realen Sinn den Tod transzendiert“ (Maslow, 1987, S. 152).

Maslow betont jedoch auch die Berechtigung von D-Motivationen und D-Kognitionen. Für das Funktionieren des Individuums in der Welt des Wettbewerbs sei es doch auch notwendig, Kognitionen anzuerkennen, die aus einem Defizit-Zustand herrühren, wie z.B. Problemlösestrategien, Bewältigungskompetenzen, Durchsetzungsgeist, Unterscheiden und Bewerten. Die Logik der Bedürfnispyramide ist eben so zu verstehen, dass mit zunehmender Entwicklung jeweils höhere Motivationen aktualisiert werden. Die unteren Bedürfnisse werden nicht notwendigerweise aufgehoben und die Fähigkeit zu ihrer Befriedigung geht nicht verloren. Der reife Mensch wächst einfach nur über sie hinaus, transzendiert und integriert sie, um sich höheren Interessen und Neigungen zuzuwenden. Mit dieser Perspektive legte Maslow den Grundstein für die Transpersonale Psychologie, die er als Vierte Kraft bezeichnete.