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Frankl

 

Viktor Frankl wurde 1905 in Wien geboren. Im Alter von drei Jahren wollte er bereits Arzt werden und mit vier Jahren dachte er schon über die Vergänglichkeit und den Sinn des Lebens nach. Schließlich studierte er, wie ursprünglich beabsichtigt, Medizin. Sein Schwerpunkt wurde die Psychiatrie, Neurosenlehre und Psychotherapie. 1944 bis 1945 wurde er von den Nazis in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert und seiner Menschenwürde beraubt. Während der letzten Internierung erkrankte er an Fleckfieber.

Seine Thesen über die Unbedingtheit des Menschseins, die er später als Privatdozent für Neurologie und Psychiatrie an der Wiener Universität lehrte, wandte er in diesem höchst bedrohlichen Zustand im Angesicht des Todes, der Ermordung durch die Nazis, auf sich selbst an. Im April 1945 wurde er befreit und kehrte in seine Heimat zurück. Er wurde zum Vorsitzenden der neurologischen Poliklinik in Wien gewählt und behielt  diese Position 25 Jahre lang inne. Mit der rekonstruierten Fassung seines Buches „Ärztliche Seelsorge“, dessen erstes Manuskript die Nazis vernichteten, habilitierte er. In neun Tagen diktierte er das Buch „Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“, von dem bis heute in der englischen Fassung mehr als 9 Millionen Exemplare verkauft worden sind. Mit seiner Dissertation „Der unbewusste Gott“ erhielt er im Jahre 1948 sein philosophisches Doktorat. Am 2. September 1997 starb Frankl bei einer Bypass-Operation. Frankls Schriften sind in 22 Sprachen übersetzt worden. Er hat insgesamt 29 Ehrendoktorate aus aller Welt erhalten. Die Sekundärliteratur umfasst etwa 100 Werke.

Inspiriert von den Existenzialisten, legt Frankl nach seinem Medizinstudium ebenso wie Maslow seinen Schwerpunkt auf die Dimension des Geistigen im Menschen, die nicht in seinem rationalen Verstand oder Intellekt, sondern in seiner immanenten Beziehung zum Transzendenten zu finden sei. Diese ist jedoch meist unbewusst und im Falle von noogenen Neurosen verdrängt oder unterdrückt. Frankl spricht daher vom unbewussten Gott (Frankl, 1988). Für ihn macht das Spirituelle die eigentliche Dimension des Menschseins aus.

Im Gegensatz zu Jung, der das Streben nach Einheit oder Ich-Transzendenz als Drang aus dem kollektiven Unbewussten begreift, und Maslow, der Selbstverwirklichung und Selbsttranszendenz als biologisch angelegte Metabedürfnisse betrachtet, verzichtet Frankl auf Bedürfnis- oder Triebmodelle sowie auf die Konzeption eines Unterbewusstseins oder Unbewussten. Die Beziehung zum Transzendenten entspringt nach Frankl weder einer bestimmten psychischen Instanz, wie z. B. dem Es oder Über-Ich, noch einem physiologischen Drang, sondern ist einfach nur eine Frage der Entscheidung (vgl. Frankl, 1988).

Nach Frankl lässt sich menschliches Verhalten nicht zufriedenstellend durch äußere Gegebenheiten (Umwelt) oder innere Bedingungen (Triebe, Bedürfnisse, Charakter, Persönlichkeit) erklären bzw. rechtfertigen, sondern ist vielmehr die Folge einer Wahl: „Die Entscheidung von heute ist der Trieb von morgen“ (Frankl, 1987, S. 97). Würde eine Person die eigene Entscheidungsfreiheit leugnen, so wäre diese Wahl für die Unfreiheit ebenfalls eine Entscheidung: „Ich bin willensfrei, wenn ich will, und wenn ich nicht will, bin ich nicht willensfrei“ (Frankl, 1987, S. 98).

Während Maslow die Befriedigung der Defizit- oder Basisbedürfnisse (z. B. Sicherheit und Anerkennung) als Voraussetzung für die Erweckung der höheren Bedürfnisse und Motive ansieht, kann nach Frankl grundsätzlich jeder Mensch sein konditioniertes, begrenzendes Ich transzendieren. Er betont, dass das Interesse an Sinnfragen und Meditation sowie die Bereitschaft zur Selbsttranszendenz gerade in Krisenzeiten oder Zeiten der Unzufriedenheit erhöht ist, wohingegen die vollkommene Erfüllung aller Bedürfnisse eher zu einer abgründigen Langeweile, Stagnation und Leere führen würde. Gerade im Angesicht der Bedrohung des biologischen Überlebens (Maslow`s unterste Ebene der Bedürfnispyramide) spielt die Möglichkeit zur Ich-Transzendenz eine große Rolle. Das heißt nun aber nicht, dass sie im normalen Alltag keine Berechtigung hätte. Im Gegenteil, nach Frankl ist die geistige Überwindung der eigenen Persönlichkeit im täglichen Lebensvollzug die Grundlage für Sinnerfülltheit.

Wie Maslow, so betont auch Frankl, dass psychische Störungen die Folge von verdrängter Geistigkeit sein können. Frankl (1987) unterscheidet zwischen somatogenen, noogenen, soziogenen und kollektiven Neurosen. Während die somatogenen und soziogenen Neurosen bereits Gegenstand psychoanalytischer Neurosenlehre waren (vgl. Konversionshysterie oder Organneurose und typische sozialisierte Neurosen wie anankastische Persönlichkeitsstörung, Zwangsneurosen und soziale Phobien), sind die noogenen und kollektiven Neurosen eine besondere Erweiterung durch Frankls Sichtweise. Noogene Neurosen sind vergleichbar mit Maslows Metapathologie und dem Begriff der spirituellen Krisen bei Assagioli infolge ungelebten Potenzials. Frankl betont dabei – in Anlehnung an die Existenzialisten – vor allem die Aspekte der Sinnlosigkeit, der existenziellen Langeweile und Leere. Nach Frankl ist es daher eine der wichtigsten Aufgaben des Menschen, dem Leben und allem, was dazu gehört, aktiv einen Sinn zu geben. Diese Aufgabe ist schöpferisch und geistig zu verstehen. Er nennt diese immanente, unbedingte Fähigkeit zur Sinngebung den Willen zum Sinn (vgl. Frankl, 1987).

Ohne es vielleicht beabsichtigt zu haben, teilt Frankl in gewisser Hinsicht zumindest die ersten drei Wahrheiten des historischen Buddha, Siddharta Gautama. Auch nach Frankl ist das Leben grundsätzlich, zumindest in existenzieller Weise leidvoll, bedingt durch das Hineingeboren-Sein in eine Welt der Unvollkommenheit, physischen Isolation und Vergänglichkeit, in der Zerbrechlichkeit, Krankheit, Altern und Tod unvermeidbare Erscheinungen sind. Dennoch vermag der Mensch dieses existenzielle Leid zu überwinden, indem er sich selbst transzendiert. Wie kann er das tun? Erstens, indem er das Leid annimmt und zweitens, indem er alle leidvollen Erfahrungen und Erlebnisse in Beziehung zu einem höheren Lebenssinn stellt, der weniger mit Hedonismus (Lust über alles), sondern mehr mit „Lebensmeisterung” und „geistigem Wachstum“ zu tun hat. Interessanterweise hat Frankl auch darauf aufmerksam gemacht, dass der Mensch nicht nur an Überforderung, sondern auch an (geistiger, „noetischer“) Unterforderung erkranken kann. Das Herausforderungsmotiv spielt dabei eine zentrale Rolle.

Frankls Begriff der kollektiven Neurose weist große Parallelen auf zu Fromms „Pathologie der Gesellschaft“ und Maslows „Neurose des Durchschnitts“. Kollektive Neurosen beziehen sich auf unsere Gesellschaft und sind daher paraklinisch. Folgende vier Merkmale kennzeichnen nach Frankl eine kollektive Neurose: 1. eine provisorische Daseinshaltung, die sich darin ausdrückt, dass das eigene Schicksal nicht in die eigene Hand genommen wird; 2. eine fatalistische Lebenseinstellung, die selbst-verantwortliches Handeln erst gar nicht für möglich hält; 3. ein kollektives Denken, dem das Bewusstsein über die eigene Individualität fehlt und 4. ein Fanatismus, der die Denkweisen anderer ignoriert. Als Ursachen für kollektive Neurosen nennt Frankl in Übereinstimmung mit Fromm „Flucht vor der Verantwortung und Scheu vor der Freiheit“ (Frankl, 1987, S. 116).

Abgeleitet von dem griechischen Wort Logos (Geist, Sinn) nannte Frankl (1960) seine Therapieform Logotherapie. Die Logotherapie ist keine klar umrissene oder konkrete Methode von Psychotherapie, sondern bezeichnet vielmehr die philosophische Gesinnung und Orientierung, mit der der Therapeut dem Klienten begegnet. Der Therapeut versteht sich als Wegbegleiter, indem er dem Klienten Schritt für Schritt zu einer geistigen Ebene oder Perspektive hinführt, von der aus der Klient seine Probleme auf eine neue Weise betrachten und interpretieren kann, die ihm Sinn vermittelt. Unter Sinn versteht Frankl nicht etwas, das gelehrt oder einfach hergestellt werden kann, wenn dem Klienten gesagt wird, wie es funktioniert. Der Sinn ist vielmehr als eine Grundeigenschaft des Seins und dem Leben innewohnende Intelligenz oder Kraft bereits anwesend, wenn auch noch den Augen des Klienten verborgen. Er kann nicht gemacht, sondern muss eigenständig gefunden werden. Auf einfühlsame Weise versteht der Logotherapeut, den Klienten durch gezielte minimale Fragen zum Logos, dem Sinn, hinzuführen.

Noch deutlicher als Maslow und Fromm hat der Begründer der dritten Wiener Therapieschule darauf hingewiesen, dass die geistig-seelische  Entwicklung auch dann weitergehen kann, wenn erschwerende, unerfreuliche Umstände geschehen. Eine solche erweiterte Perspektive geht über den humanistischen Begriff der Selbstverwirklichung, die eher an optimale Bedingungen geknüpft ist, hinaus. Mit anderen Worten: wenn aufgrund extremer äußerer Unfreiheit, z. B. infolge schwerer Krankheit, körperlicher Behinderung, psychischer Belastung oder politischer Gefangenschaft die Bedingungen für Selbstverwirklichung gemäß der Maslowschen Bedürfnispyramide nicht mehr erfüllt sind, kann dennoch innerhalb dieser Grenzen ein geistiger Entwicklungssprung stattfinden, nämlich jener in Richtung Selbsttranszendenz.

Frankl selbst lieferte mit seinen eigenen Erfahrungen im Konzentrationslager ein eindrucksvolles Beispiel für Selbsttranszendenz. Er wusste, dass er noch einen Sinn zu erfüllen hat und daher diese Grenzsituation überleben wird. Damit hat Frankl auf die therapeutische Relevanz von Selbsttranszendenz noch deutlicher hingewiesen als Maslow. Er machte es sich zur Lebensaufgabe, die Überwindung von Selbstzentrierung bei leidenden Menschen zu fördern. Maslows Begriff von Selbsttranszendenz ist dagegen eher im ausschließlich positiven, leidfreien Erfahrungsbereich angesiedelt. Beide Forscher sind jedoch über eine ausschließlich personale Betrachtungsweise hinausgegangen, indem sie den Wert transpersonaler Erfahrungen und Bewusstseinszustände noch mehr als ihre humanistischen Vorgänger gewichtet haben.

 

 

 

Literatur:

 

Frankl, V. E. (1960): Existenzanalyse und Logotherapie. Acta Psychoth., 8.

Frankl, V.E. (1985): Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. Piper, München.

Frankl, V. E. (1987): Logotherapie und Existenzanalyse. Piper, München.

Frankl, V. E. (1988): Der unbewusste Gott: Psychotherapie und Religion. Kösel, München.